WM 2002

Chronik der Fußball-Weltmeisterschaften

Japan und Korea



 

Fußball Weltmeisterschaft 2002 in Japan/Korea


Deutsche Mannschaft hat ihren guten Namen zurück

Im Finale an Ronaldo gescheitert/Brasilianer zum fünften Mal Weltmeister/Teamchef Rudi Völler blickt schon wieder nach vorn

 
Vom 01.07.2002

YOKOHAMA (dpa) – Die Krönung blieb dem deutschen Team versagt, doch Rudi Völler und seine Mannschaft scheiden als Gewinner von der Weltmeisterschaft. Nur der weltbeste Fußballer Ronaldo sowie ein Blackout des weltbesten Torhüters Oliver Kahn machten den Unterschied: Ronaldo sorgte mit seinen Toren (67./79.) für den fünften Titel seines Landes.

 
„Auch wenn man gegen so eine Klasse-Mannschaft wie Brasilien verliert, was sicher keine Schande ist, ist es bitter“, kommentierte Teamchef Völler den verpassten Traum vom vierten Weltmeisterschafts-Sieg.

Doch die Enttäuschung über die entgangene Chance, die vor 72370 Zuschauern im „International Stadium“ von Yokohama durchaus bestand, wich schon in der Kabine dem Stolz auf das Erreichte. Alle Spieler umarmten sich, klatschten sich ab. „Wir haben den deutschen Fußball wieder ganz nach oben gebracht. Wir gehören wieder zu den Top-Adressen“, erklärte Oliver Kahn. Ausgerechnet der Kapitän, in den sechs WM-Spielen in Japan und Südkorea zuvor der Siegesgarant schlechthin, hatte mit seinem ersten Fehler im ganzen Turnier die Final-Niederlage eingeleitet. Vorwürfe aber gab es keine.

Im Gegenteil: Jeder seiner Kollegen, sogar Final-Schiedsrichter Pierluigi Collina, spendete Trost. „Der Olli hat eine Traum-WM gespielt und Dinge gehalten, das war sensationell. Wenn ihm mal ein kleiner Fehler passiert, ist das bitter“, betonte Völler. „Ohne Olli wären wir nicht im Finale gewesen“, erklärte Oliver Neuville im Namen seiner Kollegen, die im siebenten WM-Finale einer deutschen Mannschaft mit einem mutigen und selbstbewussten Auftritt die Weltöffentlichkeit überrascht hatten. „Wir haben uns hier gut verkauft, bei der kompletten WM und auch im Finale“, sagte Völler.

Die Komplimente und Aufmunterungen hatten das Team bereits in den Katakomben des Stadions erreicht. „Auf diese Nationalmannschaft ist Deutschland stolz“, brachte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Stimmung im ganzen Fußball-Volk zum Ausdruck. „Die Brasilianer waren bei dieser WM sicher die beste Mannschaft, auch wenn sie immer mal wieder kleinere Schwierigkeiten gehabt haben. Ihr Sieg geht aber in Ordnung“, gratulierte der Teamchef fair seinem Kollegen Luiz Filipe Scolari und dem Torschützenkönig Ronaldo. „Das ist einfach großartig“, jubelte der Matchwinner, der nach zweieinhalb langen Jahren Verletzungs-Leiden wieder ganz oben steht.

DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder verabschiedete die deutschen WM-Fahrer bei einem nächtlichen Bankett im fünften Stock des Hotels Sheraton Bay mit warmen Worten aus Asien. „So eine tolle Truppe habe ich noch nie erlebt.“ Und Kanzler Schröder ergänzte: „Die Mannschaft hat sich um das Ansehen unseres Landes in einer Art und Weise verdient gemacht, die nicht hoch genug einzuschätzen ist.“ Spätestens in diesem Moment richteten sich alle Blicke schon vier Jahre voraus. „Ab morgen zählt nur noch ein Ziel: Die WM 2006“, sagte Abwehrspieler Christoph Metzelder, die „Entdeckung“ der WM.

„Das wird dem gesamten Fußball zu Gute kommen, auch der Bundesliga“, unterstrich Mayer-Vorfelder. „Ich kann jetzt sagen, wir sind Vize-Weltmeister, da haben wir noch eine Steigerung drin. Aber wir wissen ja, dass da zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen“, wollte sich der DFB-Chef auf das Ziel WM-Sieg 2006 aber noch nicht festlegen lassen. „Aber wir können da mithalten, das hat die Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft gezeigt.“

Mehr als eine Stunde lang hatte sich Völlers Team den Südamerikanern sogar spielerisch als ebenbürtig erwiesen und Appetit auf das Turnier 2006 vor heimischem Publikum geweckt. Mit der „Penta“, dem fünften Titelgewinn, ist Brasilien der Konkurrenz als Rekord-Weltmeister nun jedoch auf Jahre hinaus enteilt. „Wir hatten sie am Rand der Niederlage, aber es hat nicht sollen sein. Man geht am Pokal vorbei und darf ihn nicht mitnehmen. Das ist einfach traurig“, sagte Metzelder. „Uns hat ein Quäntchen Glück gefehlt“, bedauerte Bernd Schneider, der wie seine Leverkusener Kollegen Neuville und Carsten Ramelow auch das vierte Saisonfinale verlor.

Auch ohne den Worldcup im Gepäck erwartet die deutsche Mannschaft heute nach ihrer Ankunft in Frankfurt ein „großer Bahnhof“. Hunderttausende wollen Völler und seinen Vize-Weltmeistern einen triumphalen Empfang bereiten. 740 Tage nach dem peinlichen Vorrunden-K.o. bei der Euro 2000 hat Deutschland zum vierten Mal eine WM als Zweiter abgeschlossen. „Die Mannschaft ist stolz, es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht“, bemerkte Marco Bode, der wie Oliver Bierhoff und Thomas Linke seine DFB-Karriere mit dem Endspiel von Yokohama beendet hat.

In nur zwei Jahren ist es Völler gelungen, aus einem am Boden liegenden Team eine verschworene Gemeinschaft zu formen, die ihre spielerischen Defizite durch Willensstärke und Kampfkraft wettmachte. Dass die Mannschaft keine spielerischen Glanzlichter setzte, konnte nicht überraschen. Als kreativer Kopf ausersehen, fehlte mit Michael Ballack im Finale der mögliche Matchwinner. „Die Brasilianer waren sicher happy, als Michael die zweite Gelbe Karte sah“, meinte Völler.

Für die nähere und ferne Zukunft ist der Teamchef verhalten optimistisch: „Ich rede nicht so gern von der WM 2006, das sind noch vier lange Jahre. Wir haben jetzt erst einmal die EM-Qualifikation vor uns. Man sollte zum Beispiel nicht über unseren Gegner Färöer-Inseln lachen. Es gibt nichts Undankbareres als diese Spiele. Aber was junge Spieler wie Metzelder, Klose und Kehl hier geleistet haben, war sensationell. Das sind die Jungs auf die wir bauen können.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Brasilien feiert ohne Ende

Tanz, Trommeln, aber auch Tote/Selbst die Indios im Urwald jubeln

 
Vom 02.07.2002  
RIO DE JANEIRO (dpa) – Fußball-Fiesta ohne Ende in Brasilien. Der Morgen nach dem WM-Triumph über Deutschland und der im ganzen Land ausgebrochene „Winter-Karneval“ setzte sich zum Teil ohne nächtliche Unterbrechung auch am Montag fort. „Wir feiern mindestens bis zur Ankunft unserer Jungs am Dienstag weiter“, meinte Büro-Bote Joao, der bei Samba-Tänzen und Caipirinha in Strömen mit Dutzenden von Freunden die Nacht am Copacabana-Strand in Rio verbrachte. Mehrere zehntausend Menschen aller Rassen sowie Einkommens- und Altersklassen waren sich dort am Vortag tanzend und weinend in die Arme gefallen.

Die Begeisterung kennt nach dem WM-Triumph in Brasilien keine Grenzen. „Mit etwas mehr Organisation werden wir zur NBA des Fußballs, wir werden unschlagbar“, versicherte der Weltmeister-Coach von 1994, Carlos Alberto Parreira. Fußball-„König“ Pele war nur etwas vorsichtiger. „Mit einigen Reformen und weniger Chaos können wir künftig alle WM-Endspiele erreichen und die meisten gewinnen“.

„Das ganze Land bebt“, meinte Staatspräsident Fernando Cardoso, der die Stars um Ronaldo und Rivaldo am Dienstag im Regierungspalast in Brasilia empfangen wird. Danach werden die Volkshelden der „Selecao“ in offenen Fahrzeugen eine Triumph-Fahrt durch die Straßen von Rio und der Wirtschafts-Metropole Sao Paulo durchführen. Cardoso rief zwar wider Erwarten keinen nationalen Feiertag aus, empfahl aber Firmen und Behörden, den Arbeitern und Angestellten am Dienstag frei zu geben.

Ganz Brasilien stand nach dem Abpfiff Kopf. „Es gibt nicht einen einzigen Brasilianer, der nicht jubelt, selbst die Indios im Urwald feiern“, beschrieb ein Kommentator des Radiosenders „Jovem Pan“ die Euphorie. Im Staat Rio Grande do Sul wurden die Feiern durch den Tod von drei Fans bei Schießereien überschattet. Sonst gab keine Zwischenfälle.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Halbmond beherrscht Straßen

Türken feiern ausgelassen den dritten Platz und ihr „wunderbares Team“

 
Vom 01.07.2002

ISTANBUL/BERLIN (dpa) – Hunderttausende begeisterte türkische Fußball-Fans warteten am Sonntag in Istanbul auf die Rückkehr ihrer Fußball-Helden. „Türkei – Nummer 3 der Welt“, titelte die „Turkish Daily News“ am Sonntag nach dem größten Erfolg des Halbmond-Teams bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

 
„Das wunderbare Team“, feierte „Hürriyet“ die Elf von Trainer Senol Günes, die eskortiert von F-16-Jets am Sonntagabend in der Heimat zurückerwartet wurde und im offenen Bus durch die Istanbuler City gefahren werden sollte. Tags zuvor hatte sie beim 3:2 (3:1) im „kleinen Finale“ in Daegu gegen Mit-Gastgeber Südkorea den kaum erhofften und noch nie da gewesenen dritten WM-Platz erkämpft – und für Jubel im arg gebeutelten Land am Bosporus gesorgt.

Hakan Sükür hatte nach elf Sekunden und dem schnellsten Tor in der WM-Historie für die frühe Führung der Türken gesorgt, Eul-Yong Lee mit einem tollen Freistoß nach neun Minuten ausgeglichen. Der Doppelschlag des in Deutschland geborenen Ilhan Mansiz (13./32.) sorgte noch vor der Pause für die Vorentscheidung. In einer fairen und abwechslungsreichen Begegnung fiel das 2:3 durch Song (90.) zu spät. Nach dem Schlusspfiff liefen beide Mannschaften gemeinsam zu den Fans und zur Ehrenrunde.

Am Samstag hatten fern und nah der Heimat die Festivitäten der Sieger bereits gleich nach Abpfiff des Spiels um Rang drei begonnen. Feiernde Türken versammelten sich in Massen in der Hauptstadt Ankara, in Istanbul und auch in deutschen Städten auf den Straßen – und schwenkten stolz die Nationalflagge mit dem Halbmond. Die Erfolge des Teams von Günes sorgten für einen wahren Freudentaumel und drängten die großen wirtschaftlichen Probleme im Lande vorübergehend in den Hintergrund.

Jubeln bis zum Abwinken war auch in Berlin angesagt. In der deutschen Hauptstadt leben rund 200 000 Türken in der größten Gemeinde außerhalb des Heimatlandes. Rund um das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg und den Kurfürstendamm feierten Fans in Autokorsos. In Kreuzberg ertönten aus vielen Kehlen auf den Straßen „Türkiye“-Rufe. In den Türken-Zentren Wedding und Tiergarten waren Böllerschüsse zu hören.

Lautstark feierten viele Türken auch in anderen deutschen Städten den Triumph im „kleinen Finale“. In Hannover, wo mehr als 20 000 türkische Mitbürger leben, drehten hunderte Anhänger kurz nach der Halbzeit im Gefühl des sicheren Sieges Ehrenrunden rund um das Steintorviertel. Nach dem Abpfiff gab es auch in Hamburg kein Halten mehr. Mehrere tausend „Sieger“ liefen Fahnen schwenkend durch die City. Neben lauten türkischen Sprechchören gab es viele Verbrüderungsszenen zwischen türkischen und deutschen Fans.

In Nordrhein-Westfalen war türkischer Karneval angesagt. In Duisburg kam es dabei allerdings auch zu einem blutigen Zwischenfall: Wie die Polizei am Sonntag berichtete, war ein 16-Jähriger nach einer Rangelei in einem türkischen Kulturverein aus den Räumen verwiesen worden. Als der Jugendliche mit seinem Onkel zurück kam, dieser eine Waffe zog und mehrfach auf die Kontrahenten feuerte, wurden zwei Männer am Bein verletzt. Andernorts ging es friedlicher zu. So in Dortmund und Bochum. Und in der Düsseldorfer Altstadt feierten deutsche Fußball-Freunde mit, um sich auf das Finale ihres Teams gegen Brasilien einzustimmen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Tops und Flops

Tops
 
Joseph Blatter: Er kam, sah und siegte. Die Revolte gegen den wiedergewählten Fifa-Chef entpuppte sich als Sturm im Wasserglas.

Pierluigi Collina: Der Beste pfiff die Besten. Anders als seine Schiri-Kollegen blieb Collina fast über alle Zweifel erhaben.

David Beckham: Mehr Pop- als Sportstar. Der Engländer schoss sein Team zwar nicht ins Finale, wurde aber zum Schwarm der Japanerinnen.

Guus Hiddink: Der Traum wurde Wirklichkeit. Nach überaus erfolgreicher Mission verneigte sich ganz Südkorea vor dem Coach.

Oliver Kahn: „King“ Kahn genießt inzwischen Kultstatus. Er wurde personifizierte deutsche Wertarbeit – daran ändert auch sein Fehler nicht das geringste.

Ilhan Mansiz: Meist drückte er die Bank, war am Ende dennoch in aller Munde. Der gebürtige Kemptener schoss die Türkei auf Rang drei.

Bruno Metsu: Erst als Paradiesvogel belächelt, dann als Fachmann bestaunt. Senegals Trainer führte Afrikas Fußball in neue Höhen.

Rudi Völler: Gut, besser, Rudi. Auf einer Stufe mit Lichtgestalt Franz Beckenbauer: Auch der hatte sein erstes Finale verloren.

Ronaldo: Vom Sorgenkind zum Superstar. Das „Phänomen“ beendete seinen Albtraum von Paris und entschied in Silberschuhen das Finale.

Flops

Luis Figo: Mehr Last als Hilfe. Ausgepowert wie viele Weltstars konnte der Mittelfeldstar den Portugiesen nur wenig Impulse geben.

Roy Keane: Erst schimpfte er auf die Funktionäre, dann musste er die Koffer packen. Auch ohne ihren Besten überzeugten die Iren.

Marco Rehmer: Viel Mühe, wenig Lohn. Über drei Monate kämpfte der Deutsche für sein Comeback, spielte nur 45 Minuten gegen Paraguay.

Winfried Schäfer: Schlecht gebrüllt, Löwe. Der Trainer des Afrika-Meisters aus Kamerun packte schon nach der Vorrunde die Koffer.

David Seaman: Diesen Moment wird er nie vergessen. Der Fehler gegen Brasilien brachte den englischen Keeper um seinen guten Ruf.

Davor Suker: Vom König zum Bettler. Dem erfolgreichsten Torjäger der letzten WM aus Kroatien glückte bei dieser WM nicht ein Treffer.

Giovani Trapattoni: Selbst der Gentleman verlor die Fassung. Beim WM-Aus gegen Südkorea witterte Italiens Coach Betrug.

Juan Veron: Die Erwartung war riesig, die Leistung bescheiden. Der Regisseur von Argentinien zerbrach am hohen Favoriten-Druck.

Zinedine Zidane: Hoch gehandelt, tief gefallen. Der angeschlagene Weltstar war ein Synonym für den grausamen Absturz von Titelverteidiger Frankreich.

 Frankfurter Allgemeine Zeitung

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